Donnerstag, 10. Oktober 2013

Das Feuer des gegnerischen Stammes

Zum Goldenen Jubiläum von FROM RUSSIA WITH LOVE

Venice in James Bond 007 - From Russia With Love
Handlungsort Venedig
Die meisten guten Geschichten sind im Prinzip eine Reise. Der Mythenforscher Joseph Campbell hat dieses reiseähnliche Grundgerüst anhand zahlreicher klassischer Geschichten untersucht und in seinem berühmten Buch Der Heros in tausend Gestalten von 1949 beschrieben. Viele antike Erzählungen beginnen mit einem Notstand in einer Gemeinschaft, sei es ein Stamm, ein Dorf oder ein ganzes Land. Eine Gruppe von jungen und starken Personen, oder auch ein Einzelner, wird auf eine Reise geschickt, um etwas zu holen, das die Gemeinschaft retten kann.



Oft muss auch eine Bedrohung abgewendet werden, wie etwa der Asteroid in ARMAGEDDON, oder auch etwas Unheilbringendes fortgeschafft werden, wie der Ring in LORD OF THE RINGS. Der 'Stamm' von James Bond ist natürlich Großbritannien, und er wird losgeschickt, wann immer sein Land bedroht wird. In FROM RUSSIA WITH LOVE soll er quasi das Feuer des gegnerischen Stammes, der Sowjetunion, stehlen, in Form der Dechriffiermaschine Lector. Sie ist sozusagen das Elixier, dass dem Vereinigten Königreich einen entscheidenden Vorteil im Kalten Krieg verschaffen soll. Die meisten Helden reagieren auf den Ruf des Abenteuers erst einmal mit einer Weigerung, doch da Bond berufsmäßig losgeschickt wird, fehlt diese in den meisten Bondfilmen. In FROM RUSSIA WITH LOVE ist es vielleicht am ehesten noch der Moment, als Bond M darauf anspricht, dass es sich höchstwahrscheinlich um eine Falle handelt.

Dass es sich tatsächlich um eine Falle handelt weiß der Zuschauer bereits aus der Vortitelsequenz, in der ein Mann, der durch eine Gesichtsmaske wie Bond aussieht, getötet wird. Rein logisch ergibt diese Szene nicht allzu viel Sinn, denn die Maske macht in der Trainingssituation keinen Unterschied. Aus dramaturgischer Sicht ist sie allerdings brillant, da sie zum einen den Zuschauer überrascht, und zum anderen die Absicht des Gegners, deren Schilderung im Roman fast ein Drittel in Anspruch nimmt, sehr prägnant und rein visuell auf den Punkt bringt. Ursprünglich war hier ein Actionfeuerwerk auf dem Übungsparkour von SPECTRE geplant, aber inspiriert von dem surreal-hypnotischen französischen Film L'ANNÉE DERNIÈRE À MARIENBAD wurde es eher eine schlichte Sequenz, in der Bonds Schicksal, beobachtet von den Statuen griechischer Götter, offenbar geschmiedet wird.*

Dechriffiermaschine Enigma Nema
im Spionagemuseum Oberhauen
Am Anfang seiner Reise trifft der Held meistens auf einen Mentor, einen gealterten Kämpfer, der ihm hilft, sich in dem fremden Land zurechtzufinden. Hier ist es Ali Kerim Bey, der diesen Archetypen auf geradzu klassische Weise mit Leben füllt. Sehr oft stirbt der Mentor im weiteren Verlauf der Handlung, wie beispielsweise Obi-Wan Kenobi in STAR WARS oder Peters Onkel in SPIDERMAN. Eine weitere sehr klassische Mentorenfigur tritt in dieser Funktion hier auch erstmalig in Erscheinung: Der Waffenmeister Q, der Bond in fast hellseherischer Weisheit mit Wundergaben versorgt, die er im weiteren Handlungsverlauf brauchen wird. Wie hier den berühmten Multifunktonskoffer. Mit den Goldmünzen ist es sogar ein sehr klassisches, beinahe märchenhaftes Hilfsmittel, das Bond schließlich rettet.

Ein weiterer Archetyp neben dem Helden und dem Mentor ist der Gestaltwandler, der seine Identität verhüllt und in verschiedenen Masken auftritt. Sowohl Tanya als auch Red Grant sind solche Gestaltwandler. Tanya erscheint erst als feindliche Agentin mit unbekannten Absichten, entpuppt sich am Ende jedoch als Verbündete und Geliebte. Grant dagegen tritt erst in der Maske des Helfers auf, als er offenbar Bonds Leben rettet, und dann als Captain Nash in der Maske des Mentors. Sein wahres Gesicht am Ende ist dann umso erschreckender.

Da die meisten Reisen aus einer ebenso langen Hin- wie Rückreise bestehen, befinden sich die Helden oft genau in der Mitte der Geschichte im tiefsten Feindesland, wo es das Elixier zu rauben gilt. Sie dringen dafür in die tiefste Höhle des Bösen vor, oder in den Bauch des Walfisches, wie Campbell es nennt. Die Rückreise ist dann oft eine einzige lange Verfolgungsjagd, da die gegnerischen Mächte ihrem Elixier natürlich hinterherjagen.

Bond und Tanya sind in der Mitte des Films in der russisches Botschaft, also direkt auf dem Territorium des Feindes. Dort raubt Bond das Elixier, die Lector, nach einer Explosion und begibt sich damit in die tiefsten Höhlen Istanbuls. Dann beginnt die gefahrvolle Rückreise im Orient-Express, bei dem russische Agenten das Elixier abjagen wollen. Schließlich opfert sich der Mentor, und der Schatten lässt seine Masken fallen. Nachdem Bond die entscheidenste Prüfung mit Hilfe der Gaben von Zauberer Q bestanden hat, muss er das Elixier nun noch an grimmigen Schwellenhütern vorbeischleusen, in Form eines Helikopters, bewaffneter Boote und schließlich mit Rosa Klebb der bösen Hexe persönlich.

Es folgt das Happy End mit der aus den Fängen des Reichs des Bösen geretteten Lady. Und da er nicht gestorben ist, erfreut sich Bond auch 50 Jahre später noch bester Gesundheit.

Venedig in "Liebesgrüße aus Moskau"
Die Belohnung: Romantische Nächte in Venedig

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* Dieser visuelle Verweis auf die antike Götter- und Sagenwelt ist in Anbetracht von Flemings Roman gar nicht so abwegig, wo es zu Beginn heißt: "Wen die Götter vernichten wollen, den liefern sie zuerst der Langeweile aus."

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