Montag, 18. September 2017

Schurken mit Superwaffen

Nordkoreanisches Propaganda-PlakatDieses Jahr feiern einige Bondfilme Jubiläen. Auch der wohl umstrittenste Bondfilm aller Zeiten, DIE ANOTHER DAY (Stirb an einem anderen Tag), wird 15. Neben den bizarren Übertreibungen und Fehlern, die man dem Film zu Recht anlasten kann, gibt es aber auch einige gute Ideen, Schauwerte und phänomenale Stunts, die man nicht übersehen sollte.

Und obwohl das Drehbuch letztendlich nur noch ein Schatten des ursprünglichen Konzeptes ist, wie hier erörtert, zeigt auch der fertige Film eine weltpolitische Situation, die zwar metaphorisch überhöht, aber trotzdem erstaunlich vorausschauend ist. Vor allem angesichts der Meldungen Anfang September dieses Jahres, dass Nordkorea im Besitz einer Wasserstoffbombe ist.





Psychopathenkind mit Vernichtungs-Spielzeug

DIE ANOTHER DAY zeichnet ein Szenario, in dem ein verzogener und unkontrollierbarer Nordkoreaner in den Besitz einer Waffe gelangt, die die Energie der Sonne auf der Erde entfesselt und die Weltgemeinschaft bedroht - Im Prinzip genau das, was so ziemlich genau 15 Jahre nach Erscheinen des Films Wirklichkeit geworden ist. Falls es sich tatsächlich um eine Wasserstoffbombe handelt, die beim jüngsten Kernwaffentest in der nordkoreanischen Provinz Hamgyong gezündet wurde. Die dadurch ausgelöste seismische Aktivität, die auch in Deutschland messbar war, deutet zumindest darauf hin.

Kim Jong Il als Pak Un in der Schweiz
Kim Jong-Un als Schweizer Schüler Pak-Un,
vor seiner Behandlung mit Godzilla-Genen
Im Film ist der Gegenspieler Colonel Moon (Will Yun Lee) der Sohn eines hochrangigen Generals (Kenneth Tsang), der zur Ausbildung ins westliche Ausland geschickt wurde und dadurch mit dem westlichen "Way of Life" in Berührung kam. Wie erst 2016 bekannt wurde, besuchte auch Kim Jong-Un unter falschem Namen eine Schule in der Schweiz und war Kommilitonen als leidenschaftlicher Basketball-Fan bekannt. (Weshalb er später auch Dennis Rodman nach Nordkorea einlud.) Der spätere Machthaber ist der jüngste von drei Söhnen Kim Jong-Ils. Zumindest einer der älteren Söhne soll ebenfalls eine Schweizer Schule besucht haben.

Der Vergleich zwischen dem väterlichen General Moon des Films und dem damals noch herrschenden Kim Jong-Il wäre allerdings völlig verfehlt, da dieser kaum weniger psychopathisch agierte und alles andere als ein friedliebender Vernunftmensch war. Ob sich im nordkoreanischen Militär überhaupt eher gemäßigte Generäle wie General Moon befinden, und ob sie lange genug für eine derartige Karriere überleben würden, ist wohl eher fraglich.

Die Darstellung des Gegenspielers in DIE ANOTHER DAY als verirrten Einzelgänger, der auf eigene Faust entgegen den offiziellen Interessen seines Landes handelt, folgt dem seit OCTOPUSSY mit General Orlov etablierten Schema. Da das Thema Nordkorea durch die langjährige Protektion Chinas durchaus weltpolitischen Sprengstoff hatte, war dieser Ansatz 2002 wohl gerechtfertigt. Trotzdem kann man hier die Frage stellen, ob Bondfilme durch ihren weltweiten Erfolg auch eine politische Verantwortung haben. Sollten die Filme beispielsweise in Ländern wie der Türkei angesiedelt werden, und deren Regime durch die touristische Werbung so indirekt unterstützen?

Pjöngjang, Nordkorea
Pjöngjang
Der verschwenderische Luxus von Colonel Moon im Film - er besitzt massenweise Luxuskarossen - geht wohl eher auf Gerüchte um Vater King Jong-Il zurück, dem ein Dutzend Luxus-Residenzen zur Verfügung gestanden haben sollen. Gerüchte, die sich nach seinem Tod als übertrieben erwiesen.

Die Charakterzeichnung eines Despoten-Sohnes, der in eine Dynastie von derangierten Gewaltherrschern hineingeboren wird, und damit in einen völlig bizarren, sekten-artigen Personenkult - eigentlich Shakespeare-Stoff - wird im Film leider völlig verschenkt. Wie so vieles. Der schauspielerisch ambitioniertere Will Yun Lee wird im Zuge eines sehr seltsam wirkenden 'white-washings' durch den eigentlich shakespeare-erfahrenen Toby Stephens ersetzt, der sich nicht einmal im Ansatz Mühe gibt, einen echten Charakter darzustellen.

Schade vor allem insofern, dass Regisseur Lee Tamahori 2011 mit THE DEVIL'S DOUBLE eine derartige Charakterzeichnung in beeindruckender Form ablieferte. Hier mit Bezug auf einen der Söhne Saddam Husseins.

Cowboy-Rhetorik aus dem Weißen Haus

US-Präsident George W. Bush bezeichnete Kim Jong-Il als Pygmäen und setzte Nordkorea 2002 auf die Liste der Schurkenstaaten, der "Achse des Bösen". Andeutungen, den nordkoreanischen Diktator im Stil üblicher 'regime changes' stürzen zu wollen, waren sicher insofern unklug, dass sie aus Angst vor einer "amerikanischen Aggression" das Atomprogramm des Regimes eher beschleunigten.

Michael Madsen als NSA-Chef Falco in DIE ANOTHER DAY
2005 gab Nordkorea dann tatsächlich an, über Atomwaffen zu verfügen; ein Jahr später erfolgte der erste Test. Dem aktuellen US-Präsidenten traut man ein kluges Handhaben der derzeitigen Krisensituation ebenfalls eher weniger zu.*

Auch das ist eine Situation, die DIE ANOTHER DAY in spielerischer Weise vorwegnimmt: Was wäre, wenn ein junger, skrupelloser Machthaber in Nordkorea in den Besitz einer Massenvernichtungswaffe wie der Wasserstoffbombe kommen und eine Weltkrise auslösen würde, und die US-Politik dabei kein zuverlässiger Handlungspartner mehr wäre?

Im Film sieht man Michael Madsen als impulsiven, aufbrausenden NSA-Chef Damien Falco - eher Cowboy als Stratege. Die Lösung der Krise gelingt letztlich durch die besonnene M und ihren Agenten Bond. Falco gibt am Ende klein bei und folgt deren Strategie. Das ursprüngliche Drehbuch zu DIE ANOTHER DAY thematisierte sogar die US-Taktik, Regime, die später als 'Schurkenstaaten' entmachtet wurden, heimlich aufzubauen und zu unterstützen.


Vielleicht ist die Realität in und um Nordkorea zu tragisch, um sie ernsthaft mit einem Over-the-top-Bondfilm wie DIE ANOTHER DAY zu vergleichen. Und man könnte auch sagen, dass man 2002 kaum hellseherische Fähigkeiten brauchte, um sich einen der Söhne von Kim Jong-Il an der Macht und ein wieder aufgenommenes Atomprogramm vorzustellen. Aber so etwas sagt sich 15 Jahre später auch leicht. Zumal noch die sogenannte 'Sonnenscheinpolitik' seitens Südkorea herrschte, als der Film 2002 herauskam. (Ein Begriff, der in Zusammenhang mit der Superwaffe Ikarus ebenfalls seltsam metaphorisch wirkt.) Der südkoreanische Präsident Kim Dae-Jung hatte 2000 dafür sogar einen Friedensnobelpreis erhalten. Reisen zwischen den beiden koreanischen Staaten waren erleichtert, stillgelegte Bahnstrecken wieder in Betrieb genommen. Es hätte auch alles ganz anders verlaufen können.

Bereits frühere Bondfilme hatten unter der bunten Oberfläche spektakulärer Unterhaltung auf eine spielerische Weise politische Entwicklungen reflektiert. Vor allem unter der Mitwirkung von Produzent Michael G. Wilson - wie Able-Archer-Manöver, Anti-Atom-Bewegung sowie eine Schmuggelaffäre in Zusammenhang mit dem sowjetischen Staatszirkus in OCTOPUSSY 1983 (mehr dazu hier), oder die Oliver-North-Contra-Affäre in THE LIVING DAYLIGHTS 1987.

Als DIE ANOTHER DAY 2002 herauskam, kam mir der Film sehr rückwärts-gerichtet vor. Als wolle man in Ermangelung von Inspiration den guten alten Kalten Krieg noch einmal heraufbeschwören, mit Schauplätzen in noch übrig gebliebenen kommunistischen Ländern. Wer hätte gedacht, dass es 15 Jahre später eher wie die Vorwegnahme eines neuen Kalten Krieges wirkt, inklusive nuklearer Bedrohung. Es zeigt wohl, dass wir in einer verrückten Welt leben, in der Bondschurken real existieren, aber leider niemand wie Bond selbst, der sie aufhalten kann.


* Wobei man auch anmerken muss, dass die auf Vorsicht und Diplomatie begründete Vorgehensweise von Barack Obama, der sogar einen Brief mit Bitten nach Nordkorea schickte, ebenfalls so ziemlich nichts brachte. Im Gegenteil, in nordkoreanischen Zeitungen wurde er auf rassistischste Weise beleidigt. Andererseits hat Trump es geschafft, einen Konsens im Weltsicherheitsrat zu erreichen.

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