Montag, 18. Dezember 2017

Was von Fleming übrigbleibt

Ian Fleming mit Roman 'Casino Royale'Der jüngste Bondfilm SPECTRE war in gewisser Weise ein Novum. Ähnlich wie FOR YOUR EYES ONLY, der erste Filmtitel nach einer Kurzgeschichte, oder NEVER SAY NEVER AGAIN, der erste selbst-ausgedachte Titel ohne Fleming-Bezug, ist SPECTRE eine Kapitel-Überschrift im Roman Thunderball.* Ursprünglich war es auch ein Arbeitstitel dieses Romans. Nach den Kurzgeschichten von Ian Fleming wären die Kapitel und Arbeitstitel eine weitere Quelle für mögliche Filmtitel.

Welche Möglichkeiten gibt das Werk von Fleming noch her?






Kurzgeschichten

Risico
Die Geschichte ist Teil der 1960 erschienenen Sammlung For Your Eyes Only und wurde zum Teil bereits in der Verfilmung mit diesem Titel verwendet. Der Titel wird vom Schurken Kristatos bei einem Treffen in Rom gebraucht. Es ist alt-italienisch; heute sagt man eher rischio. Gebräuchlich ist diese Form noch im Niederländischen.

Im Deutschen heißt die Kurzgeschichte Riskante Geschäfte, beziehungsweise Risiko in der Neuübersetzung von Cross-Cult. Risico wäre im europäischen Raum ein eher nichtssagender Titel, während er im Englischen wohl einen ähnlichen Klang hat wie Serpico oder Sicario. Er wurde gerüchteweise als Titel des dritten Bondfilms mit Timothy Dalton Anfang der 1990er genannt. Produzent Michael G. Wilson meinte jedoch einmal in einem Interview, dass er diesen Titel nicht besonders mag.

Risico könnte in einem Film alles Mögliche sein: Eine Abkürzung, ein Name oder eine Operation. Naheliegend wären natürlich Schauplätze in Italien oder den Niederlanden.

The Property of A Lady
Erschien zuerst 1966 posthum im Band Octopussy & The Living Daylights und wurde wie Risico als Titel des dritten Dalton-Films gehandelt. Die Handlung findet größtenteils während einer Auktion statt und ebenfalls bereits in OCTOPUSSY verwendet, samt des "Besitzes einer Dame" in Form eines Fabergé-Schmuckstücks. Man hätte hier also freie Hand.

Deutsche Titel dieser Geschichte sind Globus - meistbietend zu versteigern und Die Vorzüge einer Frau bei Cross-Cult.

The Hildebrand Rarity
Teil der 1960er Sammlung For Your Eyes Only. Namen wie Milton Krest oder Wavekrest als Schiffsnamen wurden schon in LICENCE TO KILL benutzt. Eine Anspielung gab es auch im letzten Film SPECTRE, wo sich das MI6-Safe-House hinter der Fassade von 'Hildebrand Prints and Rarities' befindet.

Es könnte also durchaus passieren, dass Bond25 diesen Titel trägt. Obwohl er eher Bond-untypisch ist und mehr an den Stil von Robert Ludlum erinnert. Immerhin könnte der deutsche Verleih hier nicht viel falschmachen.

Die vierte noch verfügbare Kurzgeschichte heißt 007 in New York, dürfte aber keine ernsthafte Option für einen Film darstellen.


Arbeitstitel von Romanen

Hier sind vor allem die Titel interessant, die Fleming für seinen dritten Bondroman Moonraker in Betracht zog.

Mondays Are Hell
Sicher kein typischer Bondtitel, doch ich mag ihn. Im Roman wird Bond hier zu Beginn mit ungeliebter, profaner Büroarbeit konfrontiert, was für einen Film mal ein ebenso amüsanter wie ungewöhnlicher Ansatz wäre.

Hell Is here
Ebenfalls nicht völlig uninteressant. Weitere Varianten waren The Inhuman Element, The Infernal Machine., Out of the Clear Sky (Aus heiterem Himmel) und Wide of the Mark (Weitab vom Ziel).

The Wound Man
Flemings erste Wahl für Dr. No. Für eine TV-Serien-Variante war auch Commander Jamaica auf der Liste (siehe hier).

The Richest Man In The World
Arbeitstitel des Romans Goldfinger, in der Variation The Richest Man In History auch als Kapitel-Überschrift vorhanden. Wobei bei letzterer Version der entsprechende Antagonist nicht nur Bill Gates übertreffen müsste, sondern auch Henry Ford, Jakob Fugger und König Salomo.

Meinem Gefühl nach hätte er was. "Der reichste Mann der Welt" klänge auch im Deutschen nicht zu sperrig.

Death Leaves An Echo
War ursprünglich für die Kurzgeschichte For Your Eyes Only vorgesehen. Er hat einen guten Klang, auch wenn das Wort Death im Titel etwas platt wirkt. Anderen Varianten waren Man's Work und Rough Justice.

The Rough With The Smooth
Ebenfalls ein Arbeitstitel für diese Kurzgeschichte. Es beruht auf der Redewendung "to take the rough with the smooth", was ungefähr bedeutet, die Tiefen des Lebens ebenso zu akzeptieren wie die Höhen. Als Motto für James Bond durchaus passend, auch wenn hier das ironische Spiel mit der Redewendung fehlt, und es im Deutschen auch wohl wieder zu einem 08/15-Titel werden würde.

The Belles of Hell
Meiner Ansicht nach der Interessanteste der Arbeitstitel, der sogar griffiger und cleverer ist als der letztendliche Titel On Her Majesty's Secret Service. The Belles of Hell (Die Schönheiten der Hölle) ist ein Wortspiel mit The Bells of Hell (Die Glocken der Hölle), eine Anlehnung an ein Lied der britischen Airforce-Streitkräfte während des 1. Weltkrieges, The Bells of Hell Go Ting-a-ling-a-ling. Fleming variierte gern populäre Sprichwörter und Titel, wie 'Man lebt nur zweimal', insofern wäre es ein typischer Fleming.

Der Verweis auf ein Soldatenlied aus dem 1. Weltkrieg wäre ebenso passend. Immerhin stammt DIE ANOTHER DAY beispielsweise aus einem Gedicht um einen Soldaten. Der Titel verweist ebenso auf Pflicht wie auf Liebe und ihre dunklen Seite, hat einen ironischen Twist und nicht zuletzt einen guten Klang. Falls man für Bond25 tatsächlich auf Elemente des Romans On Her Majesty's Secret Service zurückgreift, wäre es ein guter Titel.

Andererseits fällt beim Betrachten der Romantitel von Ian Fleming auf, dass er stets die Präposition "of" vermied, vielleicht weil sie ihm zu unelegant erschien. Tatsächlich enthielt auch bei den Filmtiteln erst der 22. dieses Wort. Vielleicht bevorzugte er deshalb auch OHMSS.

Trigger Finger
Das war eine Alternative für die Kurzgeschichte The Living Daylights, ebenso wie Berlin Escape. Beide sind nicht uninteressant, wenn auch nicht sonderlich spektakulär.

Unter Fans wird auch gern der Alterativtitel von Live And Let Die genannt: The Undertaker's Wind, der im Buch auch eine Kapitel-Überschrift ist und sich auf ein meterologisches Phänomen in der Karibik bezieht. Der Totengräber-Wind - Für mich jetzt nicht soo bondig. Der Arbeitstitel für Thunderball, den Fleming zusammen mit Kevin McClory als Drehbuch schrieb, war neben SPECTRE zudem Longitude 78 West.


Kapitel-Überschriften

A Whisper of Hate
A Whisper of Love, A Whisper of Hate ist ein Kapitel in Casino Royale. Der zweite Teil hat einen bondigen Klang.

The Eye That Never Sleeps
Logo der Pinkerton AgenturDas wäre an sich ein brillanter Bondtitel, wenn man es nicht direkt mit der berühmten Pinkerton-Detektiv-Agentur in Verbindung bringen würde. In Diamonds Are Forever arbeitet Felix Leiter für sie, nachdem er in Live And Let Die verstümmelt wurde.

Andererseits, warum eigentlich nicht? Diamonds Are Forever bezog sich auch auf den Werbeslogan von De Beers. Vielleicht könnte man es variieren in Eyes that Never Sleep oder ähnliches.

The Wizard of Ice
Eine ironische Variation von THE WIZARD OF OZ, die sich in From Russia With Love auf Planungsgenie Kronsteen bezieht. Hat was, auch wenn es als Anspielung auf einen derart berühmten Film wohl eher unwachrscheinlich ist. Im selben Roman gibt es auch noch The Moguls of Death.

Death For Breakfast
Ein Kapitel in On Her Majesty's Secret Service. Eine Redewendung, die bereits in DIE ANOTHER DAY zitiert wurde.

All The Time In The World
An sich ein sehr schöner Titel, der allerdings sehr stark mit OHMSS verbunden ist und in dem Film auch schon eine musikalische Interpretation hat, die sehr schwer zu toppen wäre.

The Death Collector
Aus You Only Live Twice, wo es sich auf Blofelds neues Hobby bezieht. Falls man dieses Element einmal in einem Film umsetzen möchte, wäre es kein schlechter Titel. Allerdings gibt es bereits einige Filme, die so benannt sind; zudem taucht er auf Fanpostern immer wieder auf.


Weitere recht interessante Optionen wären The Secret Agent, The Bleeding Heart (Casino Royale), Cards With A Stranger (Moonraker), Death Is (So) Permenant (Diamonds Are Forever), Choice Of Weapons, The Finger On The Trigger, Night Passage (Doctor No).

Wie bei Kurzgeschichten und Arbeitstiteln muss man hier aber auch bedenken, dass der Autor sie aus einem bestimmten Grund nicht als Titel für Romane in Erwägung zog. Wären es wirklich gute Optionen, hätte Fleming sie wohl für seine Haupt-Geschichten ausgewählt. Ein Titel, der einen ganz netten Klang, aber keine echte Beziehung zur Handlung hat, ist für das Marketing eher ungeeignet. Siehe beispielweise der Science-Fiction-Thriller EDGE OF TOMORROW, der dann unter dem Werbeslogan Live. Die. Repeat vermarktet wurde. Insofern sind Eigenkreationen mit starkem Bezug zur Handlung wie SKYFALL oftmals die bessere Lösung.

Weitere Möglichkeiten ergeben sich durch lose Bezüge zu den Romanhandlungen, wie etwa der Name Shatterhand, der als Tarnname von Blofeld in You Only Live Twice erscheint. Hier wäre allerdings zu klären, inwieweit Erben von Karl May beziehungsweise die Produktionsfirma Rialto Film Namensrechte zumindest für den deutschsprachigen Raum innehaben. Oder auch Death To Spies (Tod den Spionen), die Übersetzung der KGB-Organisation Смерть Шпионам (Smert Schpionam) aus den Romanen bis einschließlich Goldfinger. Derartige Titel tauchen aber auch immer wieder auf Fanpostern auf und haben dadurch etwas zweitklassiges.

Flemings andere Bücher sind wenig ergiebig, wie The Black Daffodil (Die schwarze Narzisse, 1926), Death, On Two Occasions (Tod bei zwei Anlässen, 1927) oder The Diamond Smugglers (1957). Interessant wäre noch, inwieweit es in Flemings Notizen Titel-Ideen für Romane nach The Man With The Golden Gun gibt.

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* Da FOR YOUR EYES ONLY und OCTOPUSSY jeweils Titel von Sammlungen sind, sind sie im Prinzip auch Titel von Fleming-Büchern. Der erste tatsächlich auf einer einzelnen Kurzgeschichte beruhende Titel wäre damit A VIEW TO A KILL, der gleichzeitig auch der erste ist, den man veränderte - wenn man vom fehlenden Komma in FROM RUSSIA WITH LOVE absieht. 

Die Ehre des ersten Nicht-Fleming-Titels gebührt einer Konkurrenz-Produktion. In der EON-Reihe war es GOLDENEYE, wobei TOMORROW NEVER DIES erstmals keinen Fleming-Bezug hatte. GOLDENEYE bezog sich immerhin noch auf das jamaikanische Anwesen, auf denen die Bondbücher geschrieben wurden.

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